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15.01.2010/19:29

Ärztin aus Weiß überlebt Erdbeben in Haiti – Kölner Verein benötigt Hilfe

Ärztin aus Weiß überlebt Erdbeben in Haiti – Kölner Verein benötigt Hilfe
Behandlung unter erschwerten Bedingungen: Im engen Toyota Pickup behandelt die Weißerin Dr. Barbara Höfler die Ärmsten der Armen.

Von Jakob Drechsler
Das verheerende Erdbeben in Haiti hat vermutlich mehreren tausend Menschen das Leben gekostet – bis eine exakte Opferzahl ermittelt werden kann, werden noch etliche Wochen vergehen. Eine, die das Beben auf der westindischen Inselrepublik überlebt hat, ist die Ärztin Dr. Barbara Höfler aus Weiß. Seit elf Jahren praktiziert die pensionierte Allgemeinmedizinerin in Port-au-Prince, wo sie die Kinder aus der Cité Soleil, den größten Slums der Hauptstadt, kostenlos versorgt. Um die Behandlung in einem umfunktionierten Pickup-Truck möglich zu machen, sammelt der Kölner Verein Lespwa e.V. seit 2001 Spenden. Doch weder dem gemeinnützigen Verein, noch „Dr. Barbaras“ Ehemann Dr. Mathias Höfler, noch der Ordensgemeinschaft der Salesianer don Bosco, mit der die Ärztin kooperiert, ist es gelungen, nach der Naturkatastrophe mit der 71-jährigen Weißerin zu sprechen. Einzig ihr Sohn ist nach über 40 vergeblichen Versuchen per Mobiltelefon zu ihr durchgedrungen – bis nach knapp 20 Sekunden die Verbindung abbrach. Doch es reichte für die erleichternde Erkenntnis: Dr. Barbara Höfler lebt.

Wenige Sekunden können manchmal ein Leben verändern – positiv wie negativ. Ganze 35 Sekunden soll das Erdbeben der Stärke 7,0 gedauert haben, das den ohnehin herrschenden Ausnahmezustand in Haiti für hunderttausende Menschen ins Unermessliche gesteigert hat. Gut 15 Sekunden kürzer dauerte das Telefonat, das Christian Höfler mit seiner Mutter führte – mit einem ungleich erfreulicherem Schluss: Dass Dr. Barbara Höfler, die unermüdliche Ärztin aus Weiß, die Katastrophe in Port-au-Prince überlebt hat. „Sie hat nur sagen können ‚es geht mir gut’, und dann war die Verbindung weg“, sagt Dr. Mathias Höfler, der Ehemann der Ärztin, gegenüber rodenkirchen.de; zwei Tage lang war er zuvor ohne Nachricht über den Zustand seiner Frau. Wie jedes Mal, wenn Barbara Höfler in den letzten elf Jahren Richtung Haiti aufbrach, war der 72-Jährige auch vergangenen Oktober in Weiß geblieben. Aus gesundheitlichen Gründen ist es dem Kölner nicht möglich, selbst auf die Karibikinsel zu fliegen. Doch Mathias Höfler kann ermessen, was seine Frau durchstehen musste – und noch wird durchstehen müssen. „Port-au-Prince war schon vor dem Erdbeben das reinste Chaos.“ Man könne daher nur ahnen, wie chaotisch die Umstände in den Wirren nach dem Beben sein müssen. Seine Informationen holt sich Mathias Höfler wie die meisten Angehörigen von Menschen in der Erdbebenregion überwiegend über das Fernsehen, die Telefon- und Internetverbindung ist noch immer zusammengebrochen. Kontakt hält der Weißer außerdem zum Auswärtigen Amt, den Salesianern und der Botschaft. Von dort erhielt er auch noch einmal die Bestätigung, dass seine Frau überlebt hat. Es heißt, dass auch ihr Toyota, mit dem „Dr. Barbara“, wie sie in Haiti genannt wird, regelmäßig auf Behandlungstour geht, unbeschadet geblieben ist. Ihr Fahrer allerdings, Höflers engster Bezugspunkt bei den Visiten durch die Slums, gilt seit der Katastrophe als vermisst.


Ärztin aus Weiß überlebt Erdbeben in Haiti – Kölner Verein benötigt Hilfe
„Dr. Barbara“, wie sie in Haiti gerufen wird, verbringt seit über elf Jahren die meiste Zeit des Jahres in Haiti, um die Straßenkinder der „Cité Soleil“ medizinisch zu versorgen. Foto: Drechsler

„Verschüttet, vermisst, tot – wir wissen es nicht“, sagt Ulla Fricke von der Don-Bosco-Misson in Bonn. Dort versuchen die Mitarbeiter fieberhaft, eine Verbindung zu den 64 Patern des Ordens herzustellen. Hin und wieder gelingt es, per Satellitentelefon Kontakt aufzunehmen. Drei haitianische Don-Bosco-Brüder, so viel sei bekannt, sind bei dem Beben ums Leben gekommen. Doch auch erfreuliche Nachrichten gibt es: Pater Zucchi, Leiter der salesianischen Berufsschule für 1.200 Jungen und Mädchen, hat das Beben überlebt – „wie durch ein Wunder“, sagt Fricke. Der Direktor habe sich im zweiten Stock des Schulgebäudes aufgehalten, sei mit der kompletten Etage heruntergestürzt – und unbeschadet auf der Decke stehen geblieben. Seine Sekretärin im Erdgeschoss allerdings fand unter den Trümmern den Tod. Das gleiche Schicksal hat rund 250 Kinder der ältesten Schuleinrichtung der Salesianer (Gründung 1935) getroffen. Zwei Lehrwerkstätten, fünf große Zentralschulen und 150 Minischulen haben die Salesianer für die Straßenkinder der „Cité Soleil“ (Kreolisch: „Site Soley“) aufgebaut. In den größten Slums von Port-au-Prince können dadurch 20.000 Kinder und Jugendliche pädagogisch und sozial betreut werden. Ein Projekt, das auch Barbara Höfler und der Lespwa e.V. unterstützen. Das Geld, das nach den Ausgaben für die Medikamenten- und Instrumentenausstattung des „mobilen Krankenhauses“ von Dr. Barbara übrig bleibt, gibt Lespwa an das Werk der Kleinen Schulen (OPEPB) weiter. Knapp 40.000 Euro konnte der Verein, dem 26 Mitglieder überwiegend aus dem Kölner Raum angehören, im letzten Jahr sammeln. Unlängst wurde ein Container mit Stühlen, Hockern, Regalen und Spielzeug für die Schulen und Kinder auf die Reise nach Haiti geschickt – „Gott sei Dank mit Verzögerung“, sagt Dr. Wolfgang Schultetus von Lespwa. Denn so stecke das Schiff aktuell im Hafen von Kingston/Jamaika fest – wäre alles nach Plan gelaufen, wäre von den Spenden möglicherweise nicht mehr viel übrig. Ohnehin würden nun erstmal dringendere Hilfsgüter benötigt, weiß auch Schultetus: „Lebensmittel, Medikamente, Trinkwasser.“

Vier Helfer haben daher auch die Salesianer bereits mit einem ersten Transporter auf den Weg in die Krisenregion geschickt. Geladen haben sie Wasser, Medikamente und Schlafsäcke – ein Hilfskonvoi mit 3.000 Trinkwasserflaschen, 1.500 Schlafsäcken und 100 Zelten soll folgen. In Kürze soll der Tross von der Dominikanischen Republik aus die Grenze zum Nachbarland Haiti passieren. Ein wichtiges Anliegen sei zunächst auch, funktionierende Satellitentelefone zu installieren, sagt Ulla Fricke. „Wir müssen endlich einen ständigen Kontakt aufbauen, damit wir die weiteren Schritte planen können.“ Viele Organisationen wie Misereor hätten sich bereits mit der Bitte der Koordination an Don Bosco gewandt. Doch selbst der Versuch, per Hubschrauber eine erste größere Bestandsaufnahme zu tätigen, musste verworfen werden – der haitianische Luftraum ist für private Flugmaschinen gesperrt.

Wie sich Dr. Barbara bis zum Eintreffen durchschlagen wird, kann Mathias Höfler weiterhin nur erahnen. „Wahrscheinlich denkt sie, dass sie durch das Lebenszeichen ihre Schuldigkeit getan hat und wird jetzt versuchen zu helfen.“ Er weiß um den nimmermüden Einsatz seiner Frau – dabei stünde nach ihrer ursprünglich geplanten Rückkehr im April eigentlich eine Hüftoperation an. Nun wird sich Barbara Höfler in der schwer vorstellbaren Unübersichtlichkeit des haitianischen Erdbebengebiets durchbeißen müssen – und hoffen, dass die Verzweiflung nicht in Wut und weiterer Zerstörung endet. „Das Gewaltpotential ist dort sehr groß“, hatte Dr. Barbara über Port-au-Prince schon 2004 in einem Interview gesagt.

Einen entschiedenen Vorteil gegenüber den nachrückenden Helfern hat Barbara Höfler bereits: Sie ist durch ihre elf Jahre andauernde Tätigkeit nicht nur bestens mit den haitianischen Gegebenheiten vertraut, sondern spricht auch Kreolisch, ein Mix aus Franzöisch und afrikanischen Sprachen, in der sich 85 Prozent der Bevölkerung des Karibikstaates ausschließlich verständigen können. „Ohne die Sprache ist es weitaus schwieriger, zu helfen“, sagt Mathias Höfler. Und Hilfe, das ist schließlich Dr. Barbaras größtes Anliegen. Das wird auch nach dem Erdbeben so sein wie vor sechs Jahren, als sie über ihre ärztliche Mission im Elendsviertel der Cité Soleil sagte: „Wenn ich dann in die erwartungsvollen Gesichter der Kinder schaue, weiß ich, dass ich das Richtige tue.“
Ärztin aus Weiß überlebt Erdbeben in Haiti – Kölner Verein benötigt Hilfe


INFO
Nach dem verheerenden Erdbeben sind die Menschen in Haiti mehr als zuvor auf Hilfe und Spenden angewiesen. Mit einer Spende an den Lespwa e.V., der Dr. Barbara Höfler in Port-au-Prince unterstützt, können auch Sie helfen. Der Kölner Verein ist vom Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI) geprüft und mit dem Spenden-Siegel empfohlen. Spenden bitte an:

Lespwa e.V., Konto-Nr. 159000126, BLZ 370 502 99 bei der Kreissparkasse Köln.

Für internationale Überweisungen: IBAN: DE90 37050299 0159 0001 26, BIC: COKSDE33

http://www.strassenkinderhilfe-haiti.de  Weitere Infos über das Projekt von Dr. Barbara Höfler

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